Werden sich meine Kinder von mir abwenden, wenn sie wissen, dass ich schwul bin?

 

 

Es gab eigentlich nie eine Neigung bei mir, den Kindern etwas zu verbergen. Gleichwohl blieben auch sie wie meine Ehefrau, die gesamte Familie und meine Freunde im Ungewissen, mit welchen inneren Kämpfen ich zuletzt lebte, ehe es schließlich nicht mehr auszuhalten war und ich mich als schwul outete. Als dieser gewaltige Schritt getan war, ich meiner Frau eingestand, dass ich für Männer Gefühle entwickele, war es nur eine Frage der Behutsamkeit, wann und wie ich die Kinder einbeziehen würde. Es war mir nämlich klar, dass sie damals mit 12 und 10 Jahren schon sehr sensibel auf Stimmungen reagierten, auch wenn in unserer Familie nicht viel über Gefühle geredet würde.

Oder anders gesagt, die gefühlsmäßige Lage Ihrer Eltern musste Ihnen schon lange aufgefallen sein. So war es dann auch im Winter 1996 gar keine neue Erkenntnis für sie, als ich Ihnen an einem Sonntagmorgen vorsichtig tastend zu erklären versuchte, dass es zwischen Mama und Papa seit langem Probleme gab. Sie verstanden es, weil sie es selbst beobachteten. Ich erklärte Ihnen, dass wir uns entschieden haben, getrennt leben zu wollen und dass ich in eine kleine Wohnung ziehen würde, die ich ganz in der Nähe gefunden hätte. Und dass ich immer da sein würde, wenn sie mich bräuchten.

Das war mein erster Schritt, der sich nicht von dem unterscheiden dürfte, was übliche Trennungs- oder Scheidungsprozesse ausmacht: Das Erklären des Unausweichlichen. Wichtig ist, dass die Eltern in dieser Zeit keine psychopathischen Reaktionen zeigen und die Kinder nicht als Druckmittel missbrauchen.

Mein coming out gegenüber meinen Kindern war schließlich überhaupt nicht mehr von der Sorge bestimmt, sie könnten sich abwenden. Es war wenige Wochen später, kurz vor dem Auszug. Ich erzählte in einfacher, aber direkter Weise, dass ich mich seit langem für Männer interessiere, dass ich aber damals, als ich heiratete, diese Gefühle nicht erkannt oder unterdrückt hatte und deshalb auch voller Überzeugung heiratete und überglücklicher Vater wurde. Ich erzählte von den SVDO, die mir geholfen hätten. Ich weiß es nicht mehr im einzelnen, aber ich gab ihnen mit auf den Weg, dass diese Erklärung niemand wissen müsse, wenn sie es nicht selbst jemandem anvertrauen wollten.

In den Jahren danach ließ ich sie spüren, dass mein neues Leben gar nicht spektakulär ist. Ich gab ihnen Gelegenheit, meine neuen Freunde kennen zu lernen, ohne aber etwas zu inszenieren. Die wichtigste Erfahrung war die mit meinem Freund als neue Bezugsperson. Und der gemeinsame Urlaub in 2000 war dann auch der Beweis dafür, dass sie verstanden haben, dass ich nur so leben kann.

Manch eher flapsige Kommentar in den letzten Jahren (Du machst wohl jetzt voll auf Regenbogen) brachte scheinbar beruhigende Normalität mit sich. Und doch: erst vor wenigen Tagen gab mir mein inzwischen erwachsener Sohn zu verstehen, dass er erst jetzt mit seinen engsten Freunden über seinen schwulen Vater gesprochen hat. Die Vorurteile seien eben immer noch in der Gesellschaft da und er wollte früher nichts auslösen, seine Freundschaften zu belasten. Aber ich sei nun mal Teil seines Lebens und er wolle den jetzt nicht mehr allein für sich behalten....


Rebecca war 8 Jahre alt und hatte mich angesprochen, weil mein ehemaliger Freund mir zum Valenstinstag ein Geschenk gemacht hatte. Sie meinte, dass das doch nur Verliebte tun. Auf meine Erklärung hin, dass ich mich ich in einen anderen Mann verliebt hätte, weinte sie sehr. Ich war tief berührt, nahm sie fest in den Arm und weinte ebenfalls. Wir haben einander gehalten und ich fühlte mich ganz schlecht.

Als wir dann weiter sprachen, stellte sich heraus, dass sie mit meiner Liebe zu einem Mann an sich keine Probleme hatte. Es war vielmehr das Bewusstwerden, dass Mama und Papa defintiv nicht mehr zusammenkommen. Diese Hoffnung war nun für sie vergangen.

Mein Verhältnis zu meinem Freund war immer sehr liebevoll und harmonisch. Meinen Sohn, seinerzeit sechs Jahre, habe ich mit der Thematik des schwulen Vaters nicht konfrontiert. Er hat es über seine Schwester knapp ein Jahr später erfahren und es zuvor auch im Alltag mit meinem Freund erlebt. Wenn ich ihn konkret darauf ansprach, meinte er nur, er findet es nicht gut, dass sein Vater einen Mann lieb hat. Aber in seinem Verhalten demonstriert er schon Akzeptanz für meinen neuen Partner, aus welcher sich inzwischen eine gute Freundschaft entwickelt hat.

Meine größte Angst im Outing bestand über 2 Jahre in der Aufklärung gegenüber meinen Kindern. Dies hat sich, wie mir auch immer wieder in Gesprächen mit anderen schwulen Vätern erklärt wurde, in keiner Form bestätigt.

Diverse Gespräche haben dazu geführt, dass beide Kinder sehr sensibel mit der Thematik nach außen umgehen und sich sowohl in ihrer gewohnten Umgebung zu Hause, als auch bei mir und meinem Freund sehr wohl fühlen.

Meine Frau wusste es von mir seit 1995. Sie wollte Stillschweigen über meine Neigung den Verwandten und Freunden gegenüber. Sie vermied auch das Gespräch mit mir über das Schwulsein, uber "Sex mit Männern". Meine Kinder waren damals 5 und 3 Jahre alt.

Ein Jahr später verstarb meine Frau an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Nun stand ich allein mit meinen Kindern da. Zu diesem Zeitpunkt sah ich keine Veranlassung, ihnen darüber zu erzählen. Wir hatten lange mit dem Verlust von Frau und Mutter zu kämpfen. Mein Herz war auch nicht bereit, ihnen meine Neigung für Männer zu präsentieren. Wir brauchten Zeit und mussten uns erst mal in der neuen Situation zurecht finden. Ich versuchte meinen Kindern erst einmal ein guter Vater zu sein.

2003 war ich dann aber endlich bereit, mehr von mir zu erzählen. Es war schwer. Wie fange ich an, wie sage ich es meinem Kinde? Als ich dann an einem Morgen mit meinem 11-jährigen Sohn allein beim Frückstückstisch saß, fragte ich ihn einfach, was wäre, wenn sein Vater auf Männer stehen würde und nicht auf Frauen. Er sagte ganz trocken, das müsste jeder selber wissen, er hätte damit kein Problem.

Zwei Wochen später fragte ich meine 13-jährige Tochter, ob es schlimm wäre, wenn sie keine Mutter mehr bekäme. Sie sagte "ja", weil sie gern noch eine Frau in der Familie haben wollte. Sie sei ja die einzige. Ich sagte ihr, dass ich aber auf Männer stehen würde und es deshalb keine Frau mehr geben könne.

Das hätte sie sich schon mal so vage gedacht, fände es aber auch nicht schlimm. Auch sie war der Meinung, dass das jeder selbst wissen muss, wie er glücklich wird. Sie wollte nur nicht, dass es ihr Freundeskreis weiß und ich möge es doch bitte nicht in der Öffentlichkeit zeigen, womit sie das "Hand in Hand gehen" und das "Küsschen geben" meinte.

Nun wissen sie es schon über ein Jahr und kommen auch gut mit meinem Freund aus.

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SVDO Schwule Väter Dortmund