Ja, ich will! Schwul, sein Vater bleiben


Ein Coming-out muss nicht das Ende der Familie bedeuten.


Hallo, mein Name ist Harald, ich bin 43 Jahre alt. Und ich bin Vater, Ehemann in Trennung und seit zehn Jahren in der Selbsthilfegruppe für schwule Väter und Ehemänner. Lange Jahre zehrender Unsicherheit, Heimlichkeiten und Verdrängungen haben mich gefordert. Die schwule Vätergruppe hat mich in meinem Coming-Out unterstützt und mich ermutigt, ehrlich zu mir und letztlich auch zu meiner Familie zu sein. Der offene Umgang mit meinem Schwulsein hat unserer Familie eine Menge abverlangt. Wir haben einen gemeinsamen Weg gefunden. Ich bin heute froh, diesen Weg gegangen zu sein.

Groß geworden bin ich in einer Kleinstadt im Sauerland und habe schon während der Pubertät gemerkt, dass ich mich zu Männern hingezogen fühle. Aber ich hatte Angst zu meinen Gefühlen zu stehen. Das konnte ich meiner Mutter nicht antun, was sollen die Nachbarn sagen. In bin in einer Zeit aufgewachsen, wo gerade das Thema AIDS aufkam und es hier große Unsicherheit hinsichtlich der Übertragungswege gab und auch seitens der Kirche die Frage gestellt wurde, ob diese Krankheit nicht eine gerechte Strafe Gottes für Homosexuelle sei.

Als ich mit 18 immer noch keine Freundin hatte, dachten alle, ich sei halt ein „Spätzünder“. Aber das änderte sich als ich Jutta kennen gelernt habe und wir eine sehr innige und liebevolle Beziehung eingegangen sind. Ich dachte, es muss wohl mein Weg sein, dass ich diese Frau getroffen habe. Jutta (41) und ich führten eine „Bilderbuchehe“ und sind nun seit 17 Jahren verheiratet. Wir haben zwei Söhne Moritz (16) und Patrick (14). Meine homosexuellen Gefühle habe ich verdrängt und gedacht, das geht auch wieder vorbei. Aber sie gingen nicht vorbei. Immer wieder habe ich mich nach anderen Männern umgeschaut und mich heimlich mit Männern getroffen. Für meine Frau hatte ich auch tiefe Gefühle, aber die größere Leidenschaft beim Sex verspürte ich immer mit Männern. Es war vertrackt, ich wollte meiner Frau nicht wehtun, sie nicht enttäuschen und als Alleinverdiener mit der Verantwortung für die Familie und für das Haus nicht im Stich lassen. Auf der anderen Seite merkte ich immer mehr, dass ich mich einfach mehr zu Männern hingezogen fühlte.

Coming Out, Kompromisse und Erkenntnisse
Vor neun Jahren habe ich es nicht mehr ausgehalten, ich wollte endlich ehrlich sein und habe mich gegenüber meiner Frau geoutet. Natürlich gab es viele Tränen, viel Wut, Angst um die Zukunft. Aber zum Glück hat sie mich nicht sofort auf die Straße gesetzt, sondern sie hat sich mit der Thematik auseinander gesetzt und gemeinsam mit mir nach einer Lösung gesucht. Sie hat gemerkt, dass mir weiterhin viel an ihr und an der Familie liegt und in welcher Zerrissenheit ich mich befunden habe. Sie hat sich sogar mit anderen Frauen ausgetauscht, die sich in ähnlichen Situationen befanden und wir haben uns dazu entschieden, weiterhin mit einander zu leben. Fünf Jahre lang haben wir so zusammen gelebt und sie hat mir gewisse „Freiheiten“ gewährt. Es ging so lange gut, bis ich mich in einen Mann verguckt hatte. „Du bist ja wie von Sinnen“ sagte sie damals zu mir und wir beschlossen zu diesem Zeitpunkt, uns zu trennen. Manchmal bedeutet Liebe auch, loslassen zu können. Ich selbst habe zu diesem Zeitpunkt begriffen, dass auch sie ein Recht darauf hat, von einem Mann bedingungslos und leidenschaftlich geliebt zu werden.

Seit dieser Zeit lebe ich von der Familie getrennt, zunächst noch vor Ort, um in der Nähe der Kinder zu sein und seit einem Jahr nun in Dortmund. Meine Frau hat schon kurz nach der Trennung einen neuen Partner gefunden. Wir haben auch heute noch einen guten Draht zu einander und sprechen uns mit der Erziehung der Kinder gut ab. Die finanziellen Dinge haben wir einvernehmlich geregelt. Die Kinder verbringen jedes zweite Wochenende bei mir, sie haben die Trennung recht gut verkraftet und haben kein Problem mit meiner neuen Lebenssituation. Sie haben verstanden, dass ich auch weiterhin ihr Vater und immer für sie da bin.

Hilfreich und ermunternd
Unser Miteinander in der Gruppe

In die schwule Vätergruppe gehe ich nun seit gut zehn Jahren. Damals noch nicht geoutet hat es mir unheimlich gut getan, zu sehen, dass ich mit dieser Thematik nicht alleine bin. Letztendlich haben sie mich dazu ermutigt, die nächsten Schritte zu gehen. Ehrlich zu mir selbst zu sein und mich meinen Lebenslügen zu stellen. Der Austausch mit den Männern war sehr hilfreich und aufmunternd für mich.

Die anderen Männer waren in ganz vielfältigen Lebens- und Beziehungssituationen. Es gab Männer, die lebten noch mit der Frau und Familie zusammen, mal lebte der Freund sogar mit im ehelichen Haushalt und andere lebten schon lange von Frau und Familie getrennt. Auch heute noch gehe ich gerne zu den Gruppenabenden oder treffe mich privat mit den Vätern zum Stammtisch. Es ist ein freundschaftliches Miteinander, neben den ernsten Themen wird auch viel gelacht. Neulich haben wir ein Glas Sekt getrunken, weil es ein Vater „endlich“ geschafft hat, sich gegenüber seinen erwachsenen Töchtern zu outen. Wir alle wissen, dass wir eine Selbsthilfegruppe sind und „nur“ Ratschläge geben können. Wir versuchen uns gegenseitig mit den von uns gemachten Erfahrungen zu helfen. Dies gilt natürlich insbesondere für neue Mitglieder oder für akut hilfesuchende Männer.
Wir sind ein offener Kreis, wo jeder willkommen ist, der sich angesprochen fühlt. Jeder darf das von sich erzählen, was er preisgeben möchte oder darf auch einfach nur zuhören.

Wir wissen, dass jeder für sich seinen eigenen Weg gehen muss und auch das richtige Tempo für die einzelnen Schritte selbst bestimmt.

 

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SVDO Schwule Väter Dortmund