"Wo Gefühle zugelassen werden, bricht das Schweigen zusammen und der Einzug der Wahrheit kann nicht mehr aufgehalten werden"
Alice Miller

Viele Mitglieder unserer Gruppe wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer es erscheint, mit anderen über Gedanken und Gefühle zu reden, die man bisher noch nie auszusprechen gewagt hat. Gleichzeitig kennt fast jeder von uns nur zu gut das Bedürfnis, endlich mit jemandem über die Fragen und Probleme zu reden, die einen so sehr belasten können.

Deshalb möchten wir Mut machen, mit uns Kontakt aufzunehmen. Selbsthilfegruppen schwuler Väter und Ehemänner gibt es inzwischen in einigen Städten. Soweit möglich vermitteln wir gern hierzu einen Kontakt. Direkte Links oder Adressen findet man auch unter der Rubrik Andere Gruppen.

Natürlich freuen wir uns auch über Anfragen von schwulen Ehemännern und Vätern, die sich vielleicht schon seit längerer Zeit in ihrer Lebenssituation zurechtgefunden haben und jetzt den Kontakt zu Männern suchen, denen es ähnlich geht. Unser Internet-Forum bietet hierfür ebenso eine Möglichkeit, wie auch die persönliche Teilnahme an unseren monatlichen Treffen.

Zum Selbstverständnis unserer Gruppe gehört einerseits, dass sich jeder von uns, egal ob als schwuler Ehemann oder Vater, vor niemandem zu verstecken braucht. Den meisten Mitgliedern der Gruppe ist es sehr wichtig, zu sich zu stehen und anderen offen gegenübertreten zu können.

Trotzdem haben wir Respekt davor, wenn sich jemand diese Offenheit für sich (noch) nicht vorstellen kann. Und so begreifen wir uns auch als Ort des Gesprächs, dessen Inhalte grundsätzlich vertraulich behandelt werden. Wir erwarten auch nicht, dass jemand, der neu den Kontakt zur Gruppe sucht, seine Anonymität aufgibt.

Zum ersten Mal in der Vätergruppe!

So war es bei mir.

Andreas

Zur Gruppe bin ich vor 3 Jahren gekommen, als ich im Internet auf eine Homepage (damals bei weitem noch nicht so toll wie heute) der schwulen Vätergruppe stieß. Nach dem ich längere Zeit mit mir gerungen habe, nahm ich vorsichtig telefonisch Kontakt auf. Heute kann ich darüber schmuzeln :-). Damals aber war ich sehr ängstlich und hatte ganz „komische“ Vorstellungen von so einer „Einrichtung“. Ich dachte, da laufen Leute herum die nur eins im Kopf haben. Nämlich mir an die Wäsche zu gehen! *schmunzel* Na ja, so hatte ich mein erstes Treffen bei zwei Gründungsmitgliedern der Gruppe in deren Wohnung. Mann, war ich aufgeregt! Und dann!? Stehen mir zwei wirklich nette, sympathische Menschen gegenüber die mir zuhören, mich reden lassen, mich weinen lassen und mich auffangen ( hier noch einmal eine herzliche Umarmung für die beiden, die genau wissen, wer gemeint ist ).

Ich fühlte mich wohl auf Menschen zu treffen, die mich verstehen. Die wirklich nachvollziehen können was mit mir passiert. Es tat mir so unendlich gut. 2 Stunden waren vergangen wie im Flug. Nach dem bzw. schon während des Treffens stand für mich der Entschluss fest, dass ich die Gruppe besuchen werde. Ich habe es nie bereut, da ich auch dort auf verständnisvolle Menschen traf, die bereit waren meinen Leidensdruck für den Moment mit mir zu teilen, aber mir vor allem Hoffnung schenkten.

Professionelle Hilfe, das kann ich heute sagen, hat über einen langen Zeitraum nicht annähernd soviel bewirkt, wie die Gruppe in kürzester Zeit.

Schön, dass es Euch gibt!


 

Johannes

Mein erstes Mal in der Vätergruppe

Mit viel Mut hatte ich mich auf den Weg gemacht und war der Wegbeschreibung gefolgt, die ich am Telefon erhalten hatte. Ich kam mir vor wie ein anonymer Alkoholiker, der zum 1. Meeting der Selbsthilfegruppe geht. Gern wäre ich unterwegs wieder umgekehrt. Die ESG war schnell gefunden, aber da Borussia spielte, kein Parkplatz weit und breit. Mehrere Runden um den Block und schließlich der Entschluss: "nun ab nach Hause". "Feige Sau" - sagte die andere Stimme in mir. Also weiter weg, einen Parkplatz suchen und zu Fuß zurück.
Eine Stunde zu spät. Na, vielleicht sind alle weg. Ein zaghaftes Klingeln. Vielleicht macht keiner auf. Denkste, es wurde geöffnet. An der Tür wurde ich freundlich begrüßt. Ein ganz " normaler " Mann erwartete mich. Weiß nicht, irgendwie hatte ich mir schwule Väter wohl anders vorgestellt. Die Runde war klein, was aber nicht immer so ist. Der Kaffee brach das Eis. Eine kurze Vorstellungsrunde. "Wenn du willst, kannst Du von dir erzählen... ". Gott sei Dank ein offenes Angebot, kein "wir machen das immer so“. Und dann habe ich erzählt mit Tränen und Fingerkneten einfach raus.


Die Blickkontakte sagten mir: die waren nicht erschreckt oder peinlich berührt. Scheinbar bin ich nicht der einzige, verzweifelte schwule Vater und Ehemann auf der Welt. Zeitweise hatte ich das tatsächlich gedacht.
Hätte nicht gedacht, mich auf Anhieb so wohl zu fühlen, aber es hat geklappt.
Sicher, jeder hat seine eigene und individuelle Geschichte, aber es gibt auch viele ähnliche Erfahrungen.
Das erste Mal war übrigens so gut, das ich gerne wieder hingegangen bin. Heute kann mich über das erste Mal herzlich lachen.


Das erste Mal in der Vätergruppe. Erwartungen: nur sehr diffus, keine konkrete Vorstellung. Erfahrungen: vielfältige Ausgangsbedingungen bei den einzelnen Mitgliedern. Trotzdem waren sofort Gemeinsamkeiten erkennbar und eine Perspektive für den weiteren Besuch der Gruppe. Sehr schön wurde von mir empfunden, dass die Vätergruppe nicht nur Gesprächsforum ist, sondern auch Erlebnisse im Freizeitbereich anbietet (gemeinsames Wochenende, Waldschlöss-chen-Treffen, Gang in die Szene, Kinobesuche... ).


Ich war neugierig geworden durch die Hinweise auf die Gruppe durch ein langjähriges Mitglied der schwulen Väter. Ich war hin und hergerissen, ob ich diese Gruppe besuchen sollte. Denn ich kam nicht, um meine Probleme zu lösen, sie waren es bereits weitgehend. Ich kannte kaum schwule Väter, wusste aber, dass es " da draußen " viele davon gibt. Ich war gespannt auf die Gruppe, kam ohne großes Herzklopfen, fühlte mich auch wohl, war aber verwirrt durch die Vielfalt der in den Kurzvorstellungen angerissenen Familienkonstellationen. Und die Namen würde ich mir nie merken können...


 

Michael

Mein Coming Out war gerade erst ein paar Wochen her und ich hatte das dringende Bedürfnis zu erfahren „wie ergeht es anderen Männern in solch einer Situation ?“, denn ich war mir schon bewusst, dass ich nicht allein auf der Welt dastehe.Aber wie bekommt man zu solchen Männern Kontakt ? An das Naheliegendste – die Suche übers Internet - dachte ich nicht. Aber da fiel mir ein, dass doch immer Samstags alle möglichen Selbsthilfegruppen in der Zeitung stehen. Also noch bis zum Wochenende gedulden.

Samstag – hastiges Blättern in der Zeitung – Bingo ! Da stand es: „Schwule Väter und Ehemänner“ - mit einer Telefonnummer. Sofort rief ich dort an und am anderen Ende meldete sich K. Von ihm erfuhr ich so ziemlich alles was ich wollte: dass sich die Gruppe regelmäßig einmal im Monat trifft – wie so ein Gruppenabend in der Regel abläuft – dass neben den Gruppenabenden noch weitere Unternehmungen stattfinden. Ich hatte am Ende dann genug erfahren, so dass für mich feststand – da willst du hin.

Nächster erster Donnerstag – Lindemannstraße vor der ESG. Ich war frühzeitig da um erst mal zu schauen was für Männer denn da so reingingen. Erstaunlich – keiner von denen sah auf den ersten Blick schwul aus. Um kurz nach 8 klingelte ich an, nachdem mir geöffnet wurde ging ich eine Treppe höher. Dort erwartete mich ein netter sympathischer Mann und grüßte mich mit den Worten: „Hallo – ich bin der K. – Du bist bestimmt der W.- wir hatten miteinander telefoniert“. Nachdem ich dann drin war und mich mit weiteren Männern bekannt gemacht hatte fiel mir auf, dass sich dort viele, die sich offenbar schon länger kennen, mit Küsschen begrüßten. Das kannte ich ja nun gar nicht und war mir völlig fremd. Ich weiß nicht warum – aber irgendwie irritierte mich das doch sehr.

Nach einigen einleitenden Worten des Gruppensprechers fand die Vorstellungsrunde statt. Jeder stellte sich kurz vor – ohne festes Schema, jeder so wie er es für richtig hielt. Bei einigen Männern, die u.a. berichteten, dass sie einen Freund hatten, dachte ich „schade
eigentlich“. Des weiteren feil mir bei der Vorstellungsrund auf, dass ich als „Nur-Ehemann“ wohl in einer sehr kleinen Minderheit war - fast alle waren Väter.

Danach entschied ich mich zur Teilnahme an der „kleinen Gruppe“. Dort begann ich zunächst als „Neuer“ und erzählte meine Geschichte, anschließend berichteten auch die anderen über sich. So hörte ich an diesem Abend erstmals wie es anderen Männern bei ihrem CO erging. Es war ein richtig schöner Erfahrungsaustausch – genauso wie ich es mir vorgestellt hatte. Einer führte das Gespräch, aber ohne zu dominieren, jeder konnte zu Wort kommen – das gefiel mir.In der anschließenden großen kompletten Runde wurden allgemeine Dinge besprochen, die für mich an diesem ersten Abend jedoch nebensächlich
waren.

Fazit: ich fühlte mich gut aufgehoben, denn alle waren sehr nett. Das „sich wohlfühlen“ wird einem hier wirklich leicht gemacht. Ich werde bestimmt weiterhin zu den Gruppenabenden gehen und vielleicht auch mal zum Stammtisch.

Markus

Das erste Mal SVDO. Ich war durchs Internet auf die Gruppe aufmerksam gewor-den. Am ersten Donnerstag im März 2000 war ich beruflich begründet in der Nähe und fuhr hin. Fünfzehn Minuten vor 20:00 Uhr stand ich unentschlossen vor der ESG, um zu beobachten, welche "Typen" dort hinein-gehen. Mir war mulmig, ich hatte - ungeoutet - auch Sorge, Bekannte zu treffen. Dann fuhr ein Auto vor. Zwei Männer stiegen aus, sahen mich, kamen auf mich zu und fragten, ob ich zur Väter-gruppe wolle. Ich sagte, ich sei unentschlossen, weil ich nicht wisse, was auf mich zukomme. Sie sagten, ich solle doch einfach mitgehen und es mir ansehen, ich könne jederzeit wieder gehen. Es sei anonym, es gebe nur Vornamen.


Ich ging mit hinein und wurde sehr herzlich und freundlich aufgenommen. Jeder -auch ich- stellte sich vor. Es waren alles Männer im Alter zwischen 30 und 60 Jahren - und alle hatten das gleiche Problem wie ich! Ich war also gar nicht allein damit auf der Welt! Ich blieb bis zum Schluss und fahre seitdem zu jedem Treffen.


Es sind inzwischen gute Freunde geworden, die ich dort getroffen habe. Es ist für mich ein Ort der vertrauten Geborgenheit, den ich nicht mehr missen möchte.


 

Jürgen

Das erste Mal. Soll ich über-haupt hinfahren oder nicht? Vor allem: was sage ich meiner Frau? Wo bin ich dann? Ausrede- schwierig, will ja nicht lügen. Na gut, muss sein, ist ja für einen guten Zweck. "Also, ich bin für heute Abend zur Fortbildung".


Dann Dortmund, mitten in der Stadt. Treffe ich jeman-den, den ich kenne vor der Tür? Herzklopfen. Ich stehe vor der Tür, sie ist offen, Gott sei Dank. Ich schelle, gehe hinein, bekannte Gesichter: Uli und Carl! Bin erst mal gerettet. Kriege kaum ein Wort heraus. Feuchte Hände. Und immer noch Herz-klopfen. Die meisten Väter kennen sich, begrüßen sich herzlich. 

Etwas ganz Neues und sehr schön. Dann die Vorstellungs-runde. Es sind 15 Männer da. Jeder erzählt was von sich. Ich bin der letzte der Runde und werde immer rappeliger. Als ich dran bin, kann ich kaum meinen Namen nennen. Doch dann geht's. Alle hören zu, sind sehr aufmerksam. Fasse mich kurz, habe Angst, mich zu sehr zu outen, aber da die Beruhigung: fast alle können mich verstehen. Ein ganz neues schönes Gefühl. 

Es ist geschafft.


 

Simon

Als ich das erste Mal in die Vätergruppe kam, habe ich festgestellt, dass ich mit meinem Problem nicht alleine war. Es war sehr interessant, andere Väter in den verschiedensten Situationen kennen zu lernen. Danach fühlte ich mich gleich besser und nicht mehr allein mit dem Schwulsein als Vater. Ich fühlte mich verstanden und das war gut so.

Das erste Treffen war im August 2002. Es war der Beginn meines outings. Auf die Gruppe aufmerksam geworden bin ich durch das Internet. Ich wählte die Telefonnummer der SVDO und es meldete sich Werner als erste Kontaktperson dieser Gruppe. Ich erzählte meine Geschichte.


Die Vorstellungsrunde war ein guter Einstieg. Alles war sehr unbefangen. Ich erkan-nte, dass ich nicht der einzige bin. Ich genoss die gute At-mosphäre. Eine große Unter-stützung war für mich das Treffen in der kleinen Ge-sprächsgruppe. Ich erhielt den Hinweis auf das Väter-wochenende im Waldschlös-schen, das mich einen weiteren Schritt nach vorn brachte.


 

Peter

Seit 1996 gehöre ich der Selbsthilfegruppe SVDO an und begehe den ersten Donnerstag des Septembers wie einen Geburtstag. Es war dieser 5.September 1996, an dem ich unter dem Vorwand einer dienstlichen Veranstal-tung aus der vertrauten Familie ausbrach, um Hilfe zu suchen, weil ich es nicht mehr aushielt. 

Wie ich an den Treffpunkt der SVDO gekommen bin, weiß ich im Nachhinein nicht mehr. Ich wurde auf die Tele-fonnummer aufmerksam und ich erinnere mich daran, mehrfach den Hörer aufge-legt zu haben, nachdem das Freizeichen schon zu hören war. Dann jedoch fasste ich Mut und vernahm diese vertauenserweckende Stim-me, die mich freundlich auf den Treffpunkt hinwies.


Immer noch im Zweifel ging ich an der Lindemannstraße gegen viertel vor acht auf und ab, um zu sehen, wer denn wohl dort hineinging. Mit dem Klingeln an der ESG wäre die Zeit der Einsamkeit endgültig vorbei. Und diese Sollbruchstelle im Gefühl war immer noch da. Ich könnte umkehren zurück in die Scheinwelt der Familie und lassen, was in dieser Welt nicht sein durfte. Und doch: bei allem inneren Stress gab es keine Wahl mehr.


Ich schellte und als ich hineinkam, sagte mir Uli: „Ich wusste, dass Du herauf-kommen würdest“. Mein Hin- und Her war registriert worden und ich fühlte mich gleich angenommen.

Betrachte ich die inzwischen mehr als 60 SVDO - Treffen, an denen ich teilgenommen habe, dann ordne ich mich im Rückblick als „schwieriger Fall“ ein, denn bei der Begrüßungsrunde im kleinen Kreis überwältigte mich die Situation so sehr, dass mein Kreislauf versagte. Mit spontaner Versorgung von Peter G. fing ich mich nach einer halben Stunde wieder und wusste: Ich bin angekommen.

Ich werde es nie vergessen.

 

Wie sage ich es meinem Kinde?

Es gab eigentlich nie eine Neigung bei mir, den Kindern etwas zu verbergen. Gleichwohl blieben auch sie wie meine Ehefrau, die gesamte Familie und meine Freunde im Ungewissen, mit welchen inneren Kämpfen ich zuletzt lebte, ehe es schließlich nicht mehr auszuhalten war und ich mich als schwul outete. Als dieser gewaltige Schritt getan war, ich meiner Frau eingestand, dass ich für Männer Gefühle entwickele, war es nur eine Frage der Behutsamkeit, wann und wie ich die Kinder einbeziehen würde. Es war mir nämlich klar, dass sie damals mit 12 und 10 Jahren schon sehr sensibel auf Stimmungen reagierten, auch wenn in unserer Familie nicht viel über Gefühle geredet würde.

Oder anders gesagt, die gefühlsmäßige Lage Ihrer Eltern musste Ihnen schon lange aufgefallen sein. So war es dann auch im Winter 1996 gar keine neue Erkenntnis für sie, als ich Ihnen an einem Sonntagmorgen vorsichtig tastend zu erklären versuchte, dass es zwischen Mama und Papa seit langem Probleme gab. Sie verstanden es, weil sie es selbst beobachteten. Ich erklärte Ihnen, dass wir uns entschieden haben, getrennt leben zu wollen und dass ich in eine kleine Wohnung ziehen würde, die ich ganz in der Nähe gefunden hätte. Und dass ich immer da sein würde, wenn sie mich bräuchten.

Das war mein erster Schritt, der sich nicht von dem unterscheiden dürfte, was übliche Trennungs- oder Scheidungsprozesse ausmacht: Das Erklären des Unausweichlichen. Wichtig ist, dass die Eltern in dieser Zeit keine psychopathischen Reaktionen zeigen und die Kinder nicht als Druckmittel missbrauchen.

Mein coming out gegenüber meinen Kindern war schließlich überhaupt nicht mehr von der Sorge bestimmt, sie könnten sich abwenden. Es war wenige Wochen später, kurz vor dem Auszug. Ich erzählte in einfacher, aber direkter Weise, dass ich mich seit langem für Männer interessiere, dass ich aber damals, als ich heiratete, diese Gefühle nicht erkannt oder unterdrückt hatte und deshalb auch voller Überzeugung heiratete und überglücklicher Vater wurde. Ich erzählte von den SVDO, die mir geholfen hätten. Ich weiß es nicht mehr im einzelnen, aber ich gab ihnen mit auf den Weg, dass diese Erklärung niemand wissen müsse, wenn sie es nicht selbst jemandem anvertrauen wollten.

In den Jahren danach ließ ich sie spüren, dass mein neues Leben gar nicht spektakulär ist. Ich gab ihnen Gelegenheit, meine neuen Freunde kennen zu lernen, ohne aber etwas zu inszenieren. Die wichtigste Erfahrung war die mit meinem Freund als neue Bezugsperson. Und der gemeinsame Urlaub in 2000 war dann auch der Beweis dafür, dass sie verstanden haben, dass ich nur so leben kann.

Manch eher flapsige Kommentar in den letzten Jahren (Du machst wohl jetzt voll auf Regenbogen) brachte scheinbar beruhigende Normalität mit sich. Und doch: erst vor wenigen Tagen gab mir mein inzwischen erwachsener Sohn zu verstehen, dass er erst jetzt mit seinen engsten Freunden über seinen schwulen Vater gesprochen hat. Die Vorurteile seien eben immer noch in der Gesellschaft da und er wollte früher nichts auslösen, seine Freundschaften zu belasten. Aber ich sei nun mal Teil seines Lebens und er wolle den jetzt nicht mehr allein für sich behalten....


Rebecca war 8 Jahre alt und hatte mich angesprochen, weil mein ehemaliger Freund mir zum Valenstinstag ein Geschenk gemacht hatte. Sie meinte, dass das doch nur Verliebte tun. Auf meine Erklärung hin, dass ich mich ich in einen anderen Mann verliebt hätte, weinte sie sehr. Ich war tief berührt, nahm sie fest in den Arm und weinte ebenfalls. Wir haben einander gehalten und ich fühlte mich ganz schlecht.

Als wir dann weiter sprachen, stellte sich heraus, dass sie mit meiner Liebe zu einem Mann an sich keine Probleme hatte. Es war vielmehr das Bewusstwerden, dass Mama und Papa defintiv nicht mehr zusammenkommen. Diese Hoffnung war nun für sie vergangen.

Mein Verhältnis zu meinem Freund war immer sehr liebevoll und harmonisch. Meinen Sohn, seinerzeit sechs Jahre, habe ich mit der Thematik des schwulen Vaters nicht konfrontiert. Er hat es über seine Schwester knapp ein Jahr später erfahren und es zuvor auch im Alltag mit meinem Freund erlebt. Wenn ich ihn konkret darauf ansprach, meinte er nur, er findet es nicht gut, dass sein Vater einen Mann lieb hat. Aber in seinem Verhalten demonstriert er schon Akzeptanz für meinen neuen Partner, aus welcher sich inzwischen eine gute Freundschaft entwickelt hat.

Meine größte Angst im Outing bestand über 2 Jahre in der Aufklärung gegenüber meinen Kindern. Dies hat sich, wie mir auch immer wieder in Gesprächen mit anderen schwulen Vätern erklärt wurde, in keiner Form bestätigt.

Diverse Gespräche haben dazu geführt, dass beide Kinder sehr sensibel mit der Thematik nach außen umgehen und sich sowohl in ihrer gewohnten Umgebung zu Hause, als auch bei mir und meinem Freund sehr wohl fühlen.

Meine Frau wusste es von mir seit 1995. Sie wollte Stillschweigen über meine Neigung den Verwandten und Freunden gegenüber. Sie vermied auch das Gespräch mit mir über das Schwulsein, uber "Sex mit Männern". Meine Kinder waren damals 5 und 3 Jahre alt.

Ein Jahr später verstarb meine Frau an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Nun stand ich allein mit meinen Kindern da. Zu diesem Zeitpunkt sah ich keine Veranlassung, ihnen darüber zu erzählen. Wir hatten lange mit dem Verlust von Frau und Mutter zu kämpfen. Mein Herz war auch nicht bereit, ihnen meine Neigung für Männer zu präsentieren. Wir brauchten Zeit und mussten uns erst mal in der neuen Situation zurecht finden. Ich versuchte meinen Kindern erst einmal ein guter Vater zu sein.

2003 war ich dann aber endlich bereit, mehr von mir zu erzählen. Es war schwer. Wie fange ich an, wie sage ich es meinem Kinde? Als ich dann an einem Morgen mit meinem 11-jährigen Sohn allein beim Frückstückstisch saß, fragte ich ihn einfach, was wäre, wenn sein Vater auf Männer stehen würde und nicht auf Frauen. Er sagte ganz trocken, das müsste jeder selber wissen, er hätte damit kein Problem.

Zwei Wochen später fragte ich meine 13-jährige Tochter, ob es schlimm wäre, wenn sie keine Mutter mehr bekäme. Sie sagte "ja", weil sie gern noch eine Frau in der Familie haben wollte. Sie sei ja die einzige. Ich sagte ihr, dass ich aber auf Männer stehen würde und es deshalb keine Frau mehr geben könne.

Das hätte sie sich schon mal so vage gedacht, fände es aber auch nicht schlimm. Auch sie war der Meinung, dass das jeder selbst wissen muss, wie er glücklich wird. Sie wollte nur nicht, dass es ihr Freundeskreis weiß und ich möge es doch bitte nicht in der Öffentlichkeit zeigen, womit sie das "Hand in Hand gehen" und das "Küsschen geben" meinte.

Nun wissen sie es schon über ein Jahr und kommen auch gut mit meinem Freund aus.

Ja, ich will! Schwul leben - Vater bleiben!

Ein Coming-out muss nicht das Ende der Familie bedeuten.


Hallo, mein Name ist Harald, ich bin 43 Jahre alt. Und ich bin Vater, Ehemann in Trennung und seit zehn Jahren in der Selbsthilfegruppe für schwule Väter und Ehemänner. Lange Jahre zehrender Unsicherheit, Heimlichkeiten und Verdrängungen haben mich gefordert. Die schwule Vätergruppe hat mich in meinem Coming-Out unterstützt und mich ermutigt, ehrlich zu mir und letztlich auch zu meiner Familie zu sein. Der offene Umgang mit meinem Schwulsein hat unserer Familie eine Menge abverlangt. Wir haben einen gemeinsamen Weg gefunden. Ich bin heute froh, diesen Weg gegangen zu sein.

Groß geworden bin ich in einer Kleinstadt im Sauerland und habe schon während der Pubertät gemerkt, dass ich mich zu Männern hingezogen fühle. Aber ich hatte Angst zu meinen Gefühlen zu stehen. Das konnte ich meiner Mutter nicht antun, was sollen die Nachbarn sagen. In bin in einer Zeit aufgewachsen, wo gerade das Thema AIDS aufkam und es hier große Unsicherheit hinsichtlich der Übertragungswege gab und auch seitens der Kirche die Frage gestellt wurde, ob diese Krankheit nicht eine gerechte Strafe Gottes für Homosexuelle sei.

Als ich mit 18 immer noch keine Freundin hatte, dachten alle, ich sei halt ein „Spätzünder“. Aber das änderte sich als ich Jutta kennen gelernt habe und wir eine sehr innige und liebevolle Beziehung eingegangen sind. Ich dachte, es muss wohl mein Weg sein, dass ich diese Frau getroffen habe. Jutta (41) und ich führten eine „Bilderbuchehe“ und sind nun seit 17 Jahren verheiratet. Wir haben zwei Söhne Moritz (16) und Patrick (14). Meine homosexuellen Gefühle habe ich verdrängt und gedacht, das geht auch wieder vorbei. Aber sie gingen nicht vorbei. Immer wieder habe ich mich nach anderen Männern umgeschaut und mich heimlich mit Männern getroffen. Für meine Frau hatte ich auch tiefe Gefühle, aber die größere Leidenschaft beim Sex verspürte ich immer mit Männern. Es war vertrackt, ich wollte meiner Frau nicht wehtun, sie nicht enttäuschen und als Alleinverdiener mit der Verantwortung für die Familie und für das Haus nicht im Stich lassen. Auf der anderen Seite merkte ich immer mehr, dass ich mich einfach mehr zu Männern hingezogen fühlte.

Coming Out, Kompromisse und Erkenntnisse
Vor neun Jahren habe ich es nicht mehr ausgehalten, ich wollte endlich ehrlich sein und habe mich gegenüber meiner Frau geoutet. Natürlich gab es viele Tränen, viel Wut, Angst um die Zukunft. Aber zum Glück hat sie mich nicht sofort auf die Straße gesetzt, sondern sie hat sich mit der Thematik auseinander gesetzt und gemeinsam mit mir nach einer Lösung gesucht. Sie hat gemerkt, dass mir weiterhin viel an ihr und an der Familie liegt und in welcher Zerrissenheit ich mich befunden habe. Sie hat sich sogar mit anderen Frauen ausgetauscht, die sich in ähnlichen Situationen befanden und wir haben uns dazu entschieden, weiterhin mit einander zu leben. Fünf Jahre lang haben wir so zusammen gelebt und sie hat mir gewisse „Freiheiten“ gewährt. Es ging so lange gut, bis ich mich in einen Mann verguckt hatte. „Du bist ja wie von Sinnen“ sagte sie damals zu mir und wir beschlossen zu diesem Zeitpunkt, uns zu trennen. Manchmal bedeutet Liebe auch, loslassen zu können. Ich selbst habe zu diesem Zeitpunkt begriffen, dass auch sie ein Recht darauf hat, von einem Mann bedingungslos und leidenschaftlich geliebt zu werden.

Seit dieser Zeit lebe ich von der Familie getrennt, zunächst noch vor Ort, um in der Nähe der Kinder zu sein und seit einem Jahr nun in Dortmund. Meine Frau hat schon kurz nach der Trennung einen neuen Partner gefunden. Wir haben auch heute noch einen guten Draht zu einander und sprechen uns mit der Erziehung der Kinder gut ab. Die finanziellen Dinge haben wir einvernehmlich geregelt. Die Kinder verbringen jedes zweite Wochenende bei mir, sie haben die Trennung recht gut verkraftet und haben kein Problem mit meiner neuen Lebenssituation. Sie haben verstanden, dass ich auch weiterhin ihr Vater und immer für sie da bin.


Unser Miteinander in der Gruppe:
In die schwule Vätergruppe gehe ich nun seit gut zehn Jahren. Damals noch nicht geoutet hat es mir unheimlich gut getan, zu sehen, dass ich mit dieser Thematik nicht alleine bin. Letztendlich haben sie mich dazu ermutigt, die nächsten Schritte zu gehen. Ehrlich zu mir selbst zu sein und mich meinen Lebenslügen zu stellen. Der Austausch mit den Männern war sehr hilfreich und aufmunternd für mich.

Die anderen Männer waren in ganz vielfältigen Lebens- und Beziehungssituationen. Es gab Männer, die lebten noch mit der Frau und Familie zusammen, mal lebte der Freund sogar mit im ehelichen Haushalt und andere lebten schon lange von Frau und Familie getrennt. Auch heute noch gehe ich gerne zu den Gruppenabenden oder treffe mich privat mit den Vätern zum Stammtisch. Es ist ein freundschaftliches Miteinander, neben den ernsten Themen wird auch viel gelacht. Neulich haben wir ein Glas Sekt getrunken, weil es ein Vater „endlich“ geschafft hat, sich gegenüber seinen erwachsenen Töchtern zu outen. Wir alle wissen, dass wir eine Selbsthilfegruppe sind und „nur“ Ratschläge geben können. Wir versuchen uns gegenseitig mit den von uns gemachten Erfahrungen zu helfen. Dies gilt natürlich insbesondere für neue Mitglieder oder für akut hilfesuchende Männer.
Wir sind ein offener Kreis, wo jeder willkommen ist, der sich angesprochen fühlt. Jeder darf das von sich erzählen, was er preisgeben möchte oder darf auch einfach nur zuhören.

Wir wissen, dass jeder für sich seinen eigenen Weg gehen muss und auch das richtige Tempo für die einzelnen Schritte selbst bestimmt.